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Notare lesen nur vor– dieses Vorurteil trifft nicht zu, aber Kommunikation gehört zum Beruf. Mandanten müssen beraten und dabei oft das Juristendeutsch übersetzt werden.Fotos: Sandra Schörghuber

25.09.2026 ● Sandra Schörghuber

Der Zauber der Rechtswissenschaft - Johanna Wernthaler ist begeisterte Juristin – und angehende Notarin

Nach ihrer Promotion und Stationen am EU-Parlament und dem europäischen Gerichtshof, hat Johanna Wernthaler die Notarlaufbahn eingeschlagen. Eine Wendung, mit der sie selbst nicht gerechnet hätte.

Die Faszination für das Juristische packte die 36-Jährige schon während ihrer Schulzeit am Gymnasium Seligenthal. Bei „Jugend debattiert“ beschäftigte sie sich zum ersten Mal genauer mit dem Grundgesetz, als sie es in die dortigen Diskussionen einfließen ließ. „Da habe ich gemerkt, wie toll das ist, auch mit Gesetzen zu argumentieren“, erinnert sie sich. Daraufhin besuchte Wernthaler noch während ihrer Schulzeit eine Freundin, die in Passau Jura studierte, und setzte sich in eine Vorlesung zum Sachenrecht. „Ich fand das damals so toll, dass ich am liebsten das Abitur übersprungen hätte und gleich da geblieben wäre“, sagt sie.

Ihr Entschluss stand fest und sie studierte daraufhin von 2010 bis 2015 Rechtswissenschaften in Passau. Noch heute wird ihre Begeisterung deutlich, wenn sie von ihrem Studium erzählt: „ Jura ist im Allgemeinen wie ein Studium generale, weil es in so viele Lebensbereiche reingeht. Oft denkt man als Laie bei Jura wahrscheinlich eher ans Strafrecht. Aber Jura ist so viel mehr – öffentliches Recht, Grundrechte, und auch das, was einen selbst betrifft, wie der örtliche Bebauungsplan, Abwassersatzungen oder Zivilrecht.“ Allein beim Bezahlen an der Kasse würden laut Wernthaler eigentlich schon drei Verträge abgeschlossen.

Um die volle Bandbreite der Juristerei kennenzulernen, sind schon während des Studiums Praktika verpflichtend. Ein Praktikum beim Genossenschaftsverband Bayern überzeugte Johanna Wernthaler damals davon, den Schwerpunkt Steuerrecht und Gesellschaftsrecht zu wählen. Weitere Stationen bei internationalen Großkanzleien in München folgten – und ein Praktikum bei dem EVP-Vorsitzenden Manfred Weber im Europäischen Parlament. „Auch das ist Jura“, sagt sie. Währenddessen arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Steuerrecht, wo sie auch ihre Doktorarbeit schrieb – jedoch erst nach dem Ersten Staatsexamen.

Diese Prüfung bestimmt die weitere berufliche Laufbahn eines jeden Juristen. Die dort erreichte Punktzahl ist das Einstellungskriterium bei Kanzleien und dem öffentlichen Dienst, 18 Punkte können maximal erreicht werden. Doch das schaffe eigentlich niemand, so Wernthaler. „Wenn man im Juristendeutsch sagt, man ist zweistellig, ist das schon echt gut“, erklärt sie. Ihrer Familie war das am Anfang nicht bewusst. Als sie in der Zwischenprüfung mit neun Punkten ein sehr gutes Ergebnis erzielte, fragte ihr Vater nur, wie viele Punkte es insgesamt gäbe, und meinte dann: „Hauptsache, du hast bestanden.“

Netzwerken ist wichtig

Die erste Akademikerin in der Familie zu sein, kann auch herausfordernd sein. Man müsse sich das Thema Uni und wie das überhaupt alles funktioniert, erst einmal erschließen, so Wernthaler. „Da haben mir meine Stipendien immer sehr gut geholfen“, erzählt sie. Sie hätten es ermöglicht, sich ein Netzwerk aufzubauen. Ein entscheidender Faktor für Wernthaler: „Für mich war es immer wichtig, dass man auch ältere Vorbilder kennenlernt, die man dann fragen kann: Wie hast du das damals gemacht? Welchen Schwerpunkt würdest du wählen? Wie hast du das mit der Vorbereitung aufs Examen gemacht?“ Daraus sind Freundschaften entstanden, zu einigen hält sie bis heute Kontakt.

Nach dem bestandenen Ersten Staatsexamen und der Promotion folgte für Wernthaler 2018 das Referendariat. Hier durchlaufen die angehenden Volljuristen in verschiedenen Stationen die drei Gebiete Strafrecht, Zivilrecht und öffentliches Recht. Für die Gündlkoferin ging es dafür zurück in die Heimat: Sie begleitete Richter und Staatsanwälte an den Landshuter Gerichten und lernte die Arbeit der Rechtsabteilung im Rathaus der Dreihelmenstadt kennen. Außerdem verschlug es sie an den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg, wo sie sich mit der Mehrwertsteuersystemrichtlinie beschäftigte. Steuerrecht ist Wernthalers Steckenpferd: „Das fand ich immer toll, weil es so bildlich ist“, sagt sie. Es gehe dort um reale Sachverhalte – „eigentlich ist das ganze Leben Steuerrecht“, findet sie.

Ein Brief ändert alles

Deshalb arbeitete die 36-Jährige nach dem bestandenen Zweiten Staatsexamen auch in einer Münchner Steuerrechtskanzlei. Sie war dort glücklich – bis ein Brief vom bayerischen Justizministerium kam. Denn Johanna Wernthaler hatte beim Zweiten Staatsexamen so gut abgeschnitten, dass ihr das Ministerium eine Laufbahn als Notarin nahelegte.

Zunächst sollte sie dafür einen Tag lang einem Landshuter Notar über die Schulter schauen. „Wir haben an diesem Tag alles gemacht: den Immobilienkaufvertrag, eine Adoption, eine Satzungsänderung bei einer GmbH, eine Vorsorgevollmacht. Da habe ich gemerkt, dass ich vorher sehr auf Steuerrecht fixiert und dort sehr spezialisiert war“, sagt sie. An diesem Tag habe sie im Beurkundungszimmer wieder „den Zauber vom Jurastudium gespürt“. Noch am selben Tag traf sie die Entscheidung, sich für die Laufbahn als Notarin zu bewerben. Sie wurde Notarassessorin und durchläuft nun eine dreijährige Weiterbildung. „Ich freue mich immer noch jeden Tag, wenn ich in die Arbeit fahren darf“, erzählt sie strahlend.

Denn es ist auch als ausgebildete Juristin keine Selbstverständlichkeit, Notarin zu werden. Nicht nur, dass für den Zugang zur Weiterbildung ein Ergebnis von mindestens elf Punkten im Zweiten Staatsexamen verlangt wird. Es ist zudem ein kleiner Berufsstand: Aktuell gibt es in Bayern 488 Notare. Sie werden zur hauptberuflichen Amtsausübung auf Lebenszeit bestellt, das heißt, eine Stelle wird nur frei, wenn jemand wechselt oder aus dem Berufsleben ausscheidet. Damit kann man sich auch nicht aussuchen, wo man als Notar arbeitet – man geht dahin, wo eine Stelle frei wird. Außerdem üben Notare zwar ein öffentliches Amt aus, sind aber zugleich selbstständige Unternehmer, um Neutralität zu gewährleisten.

Mehr als nur Vorlesen

Das „Rüstzeug für die spätere Amtsübernahme“, wie Wernthaler es nennt, lernen die angehenden Notare während eines festen Fortbildungsprogramms, das im Ausbildungscamp in Fischbachau am Schliersee absolviert wird. Die Praxis wird bei den Ausbildungsnotaren vermittelt.

Es sei ein buntes Aufgabengebiet, findet Wernthaler. Das klassische Vorurteil, der Notar lese nur vor und schicke dann eine fette Rechnung, verkenne die Arbeit im Hintergrund. Zwar vertritt sie den Notar auch bei Beurkundungen („Das ist das klassische Vorlesen, was man beim Notar so kennt“), aber zu ihrem Berufsalltag gehört auch das Vorbereiten der Urkunden, die Recherche bei komplexen Fragestellungen oder das Einholen von Gutachten beim Deutschen Notarinstitut in sehr schwierigen Fällen. Es sei ein sehr kommunikativer Beruf, so Wernthaler: „Man ist Ansprechpartner für die Mandanten, berät sie im Vorfeld und begleitet sie bis zur fertigen Urkunde am Schluss.“ Dabei müsse man auch oft die Urkunden aus dem Juristendeutsch ins normale Deutsch übersetzen.

Station in Karlsruhe

Die Arbeit im Notarbüro ist jedoch nur ein Bestandteil der Weiterbildung. Daneben können die Assessoren weitere Stationen durchlaufen. Johanna Wernthaler kam so für einige Zeit ans Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, das „Zentrum der Juristerei“, wie sie sagt. „Ich saß nun plötzlich neben dem Verfassungsrichter und diskutierte da verfassungsrechtliche Fragen. Das ist natürlich unglaublich!“, erinnert sie sich.

Inzwischen arbeitet sie wieder in einem Notarbüro in Dingolfing – in Teilzeit, da sie nun Mutter eines kleinen Sohnes ist. Als Assessorin kann sie Berufs- und Familienleben gut unter einen Hut bringen. „Ich bin der Auffassung, es muss beides gehen – also, dass man einerseits als Frau einen anspruchsvollen Job hat und andererseits aber auch Mama sein kann“, sagt Wernthaler. Dass das möglich ist, zeigt sich auch daran, dass sie vor Kurzem einen berufsbegleitenden Master in Erbrecht und Unternehmensnachfolge abgeschlossen hat.

Man glaubt ihr, wenn sie sagt, dass sie ihren Beruf liebt. Die Begeisterung für die Juristerei ist ihr bei jedem Wort anzumerken: „Landläufig sagt man, das Jurastudium sei trocken und langweilig. Genau das Gegenteil ist der Fall. Was ich daraus gemacht habe, ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was möglich ist. Es gibt einfach so viele Möglichkeiten.“ Deswegen würde sie auch jedem raten, der sich für ein Jurastudium interessiert, alles auszuprobieren und in alle Bereiche reinzuschnuppern. „In welchem Studium hat man das schon, dass man so eine tolle Bandbreite hat?“

Johanna Wernthaler freut sich jeden Tag auf ihre Arbeit. Nach ihrem Jurastudium befindet sie sich gerade in der Weiterbildung zur Notarin.
Fotos: Sandra Schörghuber
Viele übersehen auch die Arbeit im Hintergrund: Die Ur kunden müssen vorbereitet werden. Bei komplexen Fragestellungen kommt die Recherche hinzu.
Foto: Sandra Schörghuber

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