Foto: Petra Scheiblich25.09.2026 ● Petra Scheiblich
Es ist nicht zu spät Verstehen, um was es geht: Das lernen Jugendliche ohne Ausbildungsplatz im Berufsvorbereitungsjahr
Mehr als sechs Prozent der jungen Menschen in Bayern verlassen jedes Jahr die Schule ohne Mittelschulabschluss. Die meisten von ihnen haben kaum Chancen auf einen Ausbildungsplatz. Was aber passiert mit denen, die den Berufseinstieg nicht auf Anhieb schaffen und auf keiner weiterführenden Schule unterkommen? Fest steht: Auch für sie besteht noch Berufsschulpflicht. Dort können sie ein Berufsvorbereitungsjahr absolvieren. Wir haben eine solche Klasse besucht.
Katharina hat gerade noch eine Bewerbung für eine Ausbildung zur Buchhändlerin offen, falls das nicht geht, möchte sie auf die Wirtschaftsschule gehen. Arda würde gerne im Büromanagement arbeiten, muss dazu aber erst noch den Quali bestehen. Bei Amely steht schon fest, dass sie im September die einjährige Ausbildung zur Pflegehelferin startet. Sie freut sich drauf.
Klingt soweit alles ganz normal. Gemeinsam haben diese jungen Leute jedoch, dass sie fürs Weiterkommen einen kleinen Zwischenschritt einlegen mussten: das Berufsvorbereitungsjahr (BVJ), das sie an der Berufsschule 1 in Landshut absolvieren.
Es sind gar nicht so wenige Schülerinnen und Schüler, die diese Station durchlaufen, bevor sie einen Ausbildungsplatz finden oder eine weiterführende Schule besuchen. Dazu kommen noch die Berufsintegrationsklassen (BIK), bei denen der Schwerpunkt neben der Vorbereitung auf eine spätere Berufsausbildung auf dem Erwerb der deutschen Sprache liegt. Auch für das nächste Schuljahr erwartet Eustachius Schech, Koordinator dieser Klassen an der Berufsschule 1, wieder an die 200 Schüler, allein aus dem Gebiet Stadt und Landkreis Landshut.
Minimalziel ist der Mittelschulabschluss
Das BVJ und die BIK gibt es, weil in Bayern bis zum 21. Lebensjahr Schulpflicht besteht, sofern keine Ausbildung begonnen wurde – durch die dann ohnehin die Berufsschule besucht wird. Zum Klientel zählen deshalb vor allem Schulabgänger, die keinen Ausbildungsplatz gefunden und oft auch keinen Schulabschluss in der Tasche haben. Dazu kommen auch Ausbildungsabbrecher oder Azubis, die die Probezeit nicht bestanden haben. Bei ihnen besteht ebenfalls meist noch die Schulpflicht.
Vielen Jugendlichen sei gar nicht bewusst, dass sie nach den neun Jahren Schule immer noch schulpflichtig sind, erklärt Reinhold Ostermaier, Rektor der Berufsschule 1 in Landshut. Doch das Mindeste, was sie dann noch leisten müssten, ist ein Jahr Berufsvorbereitung in Vollzeit. Zweieinhalb Tage in der Woche werden sie dabei von Berufsschullehrern unterrichtet. Die Fächer sind neben Deutsch, Mathe, Religion sowie Politik und Gesellschaft auch Berufliche Handlungsfähigkeit, Lebensgestaltung und Medienwelten. Ziel ist der reguläre Mittelschulabschluss. Wer will, kann zusätzlich die Quali-Prüfung extern ablegen, die Schule hilft bei der Vorbereitung.
Die anderen zweieinhalb Tage werden die Schüler durch Sozialpädagogen eines externen Instituts betreut. Hier geht es vor allem darum, die jungen Leute in einen Beruf zu bringen. Neben Bewerbungstraining sollen vor allem Praktika in verschiedenen Firmen und Einrichtungen gemacht werden.
Bei der Anzahl der betroffenen Schüler „war die Tendenz in den letzten Jahren steigend“, sagt Ostermaier. Zwar sei das Angebot an Ausbildungsplätzen immer noch groß, „doch nicht mehr jeder wird eingestellt“, meint der Berufsschulrektor. Unternehmen klagten zunehmend darüber, dass bei manchen Berufseinsteigern „die Voraussetzungen fehlen“. Sie hätten Schwierigkeiten beim Rechnen, Lesen und Schreiben. Hauptproblem bei den meisten sei aber die Disziplin, die nötig ist, um einer regelmäßigen Tätigkeit nachzugehen, meint der Rektor: „Das schaffen einige nur begrenzt“. Ständiges Zuspätkommen, Fehlzeiten, kaum Einsatz, all das ließe auf mangelnde Motivation schließen.
Wertschätzung und eine „kurze Leine“
Brigitte Heidner ist Klassenlehrerin der BVJ-Klasse A. Die Berufsschullehrerin im Bereich Bautechnik unterrichtet hier Mathe. „Aber eigentlich bin ich Mama für alles“, erzählt sie. Als Lehrkraft werde sie hier mit „jeder Schattierung von Lebensproblemen“ konfrontiert. Sie hat dabei für jeden Einzelnen ein offenes Ohr, hält den Kontakt zu den Sozialpädagogen und Eltern. Sie sieht vor allem ein „Reifeproblem“. Deshalb müsse man die jungen Leute so weit bringen, „dass sie verstehen, um was es geht“.
Eine Schwierigkeit sei, dass jede Klasse sehr heterogen ist: Es gebe Förderschüler genauso wie Schulabbrecher aus dem Gymnasium, manche hätten Probleme mit den schulischen Leistungen, andere seien von der Persönlichkeit her einfach sehr labil. Um allen gerecht zu werden und dabei auch noch das Ziel der „Ausbildungsreife“ zu erreichen, sind vor allem zwei Punkte wichtig, erklärt Koordinator Eustachius Schech: „Wir begegnen jedem Schüler und jeder Schülerin mit Wertschätzung. Und wir müssen sehen, dass die Leine kurz ist.“
Das ist ebenfalls Aufgabe der Klassenlehrerin. Sie dokumentiert die Absenzen, bereits ab dem ersten Fehltag besteht Attestpflicht. Sollte auch auf Nachfrage keine ärztliche Bescheinigung eingereicht werden, hätte das schnell Konsequenzen. Denn das melde man dann der jeweiligen Bußgeldbehörde bei der Stadt und im Landkreis. Bescheide zwischen 60 und 80 Euro pro Fehltag würden dann ausgestellt, die die Schüler zu zahlen haben. „Vor allem zu Beginn des Schuljahres ist das wichtig“, meint Brigitte Heidner. Könnten die Bußgelder nicht bezahlt werden, würden sie in Sozialstunden umgewandelt, die die Schüler dann in ihrer Freizeit ableisten müssten.
Auch wenn solche Konsequenzen nötig sind – die Jugendlichen nehmen das den Pädagogen nicht wirklich übel, meint Schech. Vielmehr schafften klare Regeln Vertrauen. „Wir gehen in die Klasse rein und schauen: Was brauchen sie?“, sagt Schech. Jeder Einzelne werde ernst genommen und solle das Gefühl haben, „dass er uns wichtig ist“.
Gleichzeitig gehe es aber darum, die Realität richtig einzuschätzen. Zum Beispiel im Fach Lebensgestaltung. Der größte Wunsch sei für viele ein eigenes Auto, meint Schech. Dann werde dazu erst einmal eine genaue Kostenplanung erstellt: Führerschein, das Auto, Versicherung, Steuern, Sprit, Verschleiß- und Reparaturkosten. „Die Frage ist doch: Kann ich mir das überhaupt leisten?“
Viele Schüler sind schnell frustriert
Auch andere Themen wie Ernährung, ein gesunder Umgang mit dem eigenen Körper, Pflichten im Alltag, wie kauft man ein, wie verhält es sich mit der Handynutzung bei der Arbeit – für viele hat all das bisher keine Rolle gespielt. Dazu komme eine ziemlich niedrige Frustrationsschwelle, meint Brigitte Heidner.
Und manchmal wisse man auch einfach nicht, woran es bei einem Schüler liegt: „Der kann’s, kriegt aber die Kurve nicht hin“, sagt Schech. Bei jeder Bewerbung fiebern die Lehrer mit. Für viele stehen die Chancen nach einem Jahr aber nicht schlecht, rund 70 Prozent haben am Ende die Zusage für einen Ausbildungsplatz oder zumindest gute Aussichten darauf. „Den meisten tut das eine Jahr gut“, sagt Klassenlehrerin Heidner.
Und sie haben auch einen Plan B entwickelt, wenn etwas nicht klappt. Zum Beispiel Alma, die eigentlich Fachinformatikerin werden wollte. Jetzt beginnt sie erst mal eine Ausbildung zur Verkäuferin. Mit dem entsprechenden Abschluss hat sie danach dann die Chance, doch noch ihren Traum von der Informatik wahr zu machen. Petra Scheiblich



