Fotos: Chris Sternitzke13.02.2026 ● Chris Sternitzke
Von der winzigen Pinzette bis zum imposanten Drescher - Pflanzentechnologen arbeiten in der Saatzucht mit einer großen Bandbreite an Werkzeugen
Von Landwirten angebaute Kulturpflanzen wie Gerste oder Weizen sind Grundlage, damit unser „täglich Brot“ auf den Tisch kommt. Ein wichtiger Baustein hierfür sind widerstandsfähige, an die äußeren Begebenheiten angepasste Kulturpflanzen. Hier kommen Pflanzentechnologen ins Spiel. Sie unterstützen bei der Entwicklung neuer Sorten – kümmern sich um Anbau, Pflege, Ernte und arbeiten im Labor.
Obwohl es draußen schneit, ist es angenehm warm im Gewächshaus von Saatzucht Ackermann in Irlbach. Dank der Wärmelampen, die auf die Sommergerste gerichtet sind. Mit einer Schere ausgestattet greift Miriam Paul nach den Ähren. Die angehende Pflanzentechnologin kastriert die Mutterpflanzen: „Ich entferne die männlichen Bestandteile der Pflanze, die Staubbeutel. Dadurch wird die Selbstbestäubung verhindert“, sagt Paul. Drei Tage dauert es, bis die Mutterpflanze wieder aufnahmefähig ist, dann kreuzt man sie mit Pollen von Vaterpflanzen. Um eine vorherige Fremdbestäubung zu verhindern, kommen Beutelchen über die Ähren. „Das ist die Grundlage des Züchtungsprozesses“, erklärt Paul. Sie machte nach dem Abitur ein Auslandsjahr in der Landwirtschaft. In dieses Umfeld wollte sie auch beruflich einsteigen – bei der Recherche nach „Grünen“ Berufen hat ihr der Pflanzentechnologe zugesagt.
Vielfältige Aufgaben
Beim Entfernen der Staubbeutel geht Paul mit großer Sorgfalt und Fingerfertigkeit vor – schließlich sind sie nur wenige Millimeter lang. Das sind wichtige Eigenschaften, die Pflanzentechnologen mitbringen sollten. Doch gefragt ist mehr als das, denn das Berufsbild ist vielfältig. „Pflanzentechnologen arbeiten mit der Pinzette im Labor oder fahren bei der Ernte auf dem Feld den Drescher. Das Arbeitsfeld ist sehr groß“, erklärt Carina Raue, die bei Ackermann den Nachwuchs ausbildet.
Intensiver Sommer
„Ich schätze die Abwechslung, die der Beruf mitbringt. Es ist spannend, die Prozesse in der Pflanzenzucht kennenzulernen und was dahintersteckt – also vom ersten Korn bis zur fertigen Sorte“, sagt Paul. Und das ist ein langer Prozess. Bei Ackermann wird vor allem Gerste gezüchtet. Bis man eine Sorte beim Bundessortenamt anmelden kann, vergehen acht bis zwölf Jahre. Für Paul spielt es auch eine Rolle, dass ihr Tätigkeitsfeld wichtig für die Zukunft ist. Schließlich müssen die Sorten krankheitsresistent und stabil im Hinblick auf den Klimawandel gezüchtet werden.
Im Frühling und im Sommer findet die Arbeit der Pflanzentechnologen hauptsächlich auf dem Feld statt, und man ist jeden Tag draußen. Die Mitarbeiter säen aus, führen Feldversuche durch und ernten später die reifen Feldfrüchte. „Die Sommermonate sind die arbeitsintensivste Zeit. Gerade bei der Ernte helfen alle zusammen und man freut sich, wenn man es gemeinsam wieder gepackt hat“, sagt Raue. Danach verlagert sich die Arbeit wieder mehr nach drinnen. Dokumentationsarbeiten oder die Aufbereitung des Saatguts stehen an.
„Die Bereitschaft zur schweren körperlichen Arbeit muss da sein. Das Wichtigste ist aber, dass man Interesse an den Pflanzen mitbringt und immer wieder Fragen stellt“, sagt Paul.
Sieben Arbeitsfelder
Das in Bayern wenig bekannte Berufsbild des Pflanzentechnologen ist noch recht jung, erst seit 2013 ist es ein anerkannter Ausbildungsberuf. „Wir haben 2015 bayernweit den ersten Pflanzentechnologen ausgebildet“, blickt Raue zurück. Der Beruf gliedert sich in sieben Kernbereiche: Feldversuchswesen, Gewächshaus, Saatgutwesen, Zuchtgarten, Kulturlabor, Untersuchungslabor sowie Pflanzenschutzversuchswesen. „Wir möchten unseren Auszubildenden einen Gesamtüberblick bieten“, sagt Raue.
Pflanzentechnologen arbeiten vordergründig bei Saatzuchtunternehmen oder bei Chemieunternehmen, wo sie im Pflanzenschutz tätig sind. Auch öffentliche Einrichtungen wie die Landesanstalt für Landwirtschaft oder Forschungseinrichtungen suchen Pflanzentechnologen. Weitere Einsatzgebiete gibt es im nachgelagerten und gärtnerischen Bereich – etwa in der Jungpflanzenproduktion und -vermehrung oder in Qualitätslaboren.
Raue sieht gute Chancen auf einen Ausbildungsplatz, vorausgesetzt, Bewerber bringen eine Flexibilität mit, was den Arbeitsort anbelangt. Denn die Anzahl der ausbildenden Betriebe und Einrichtungen ist überschaubar. „Unsere Auszubildenden sind aus Rosenheim und aus Baden-Württemberg“, sagt Raue. Nach der Ausbildung sind Pflanzentechnologen gefragt: „Die Branche bildet nicht das aus, was sie an Pflanzentechnologen benötigt“, sagt Raue.
Die Lehrzeit ist auf drei Jahre angelegt. Landwirtschaftliche Ausbildungsbetriebe stellen Kandidaten mit Mittel-, Realschulabschluss oder auch mit Abitur ein. Für Abiturientinnen wie Miriam Paul besteht die Möglichkeit, die Lehrzeit zu verkürzen. Die tarifliche monatliche Ausbildungsvergütung liegt bei 1.000 Euro im ersten Lehrjahr, bei 1.100 Euro im zweiten und bei 1.200 Euro im dritten Lehrjahr. Im öffentlichen Dienst liegt sie darüber.
Berufsschule in Einbeck
Die einzige deutsche Berufsschule für Pflanzentechnologen ist im niedersächsischen Einbeck. Pro Ausbildungsjahr absolvieren die Schüler drei vierwöchige Blöcke. Für die Abschlussprüfung wählen die Teilnehmer zwei aus den sieben Teilbereichen aus. Sie erfolgt schriftlich und praktisch.
Miriam Paul möchte nach ihrer Ausbildung noch ein Landwirtschaftsstudium auf den Pflanzentechnologen „packen“. Diese Richtung wird oft eingeschlagen, gängige Wege sind auch alle weiteren Studienrichtungen in der „Grünen“ Branche. Die FH Osnabrück bietet ein berufsbegleitendes Studium als „Pflanzentechnologe in der Agrarwirtschaft“ an. In Gatersleben in Sachsen-Anhalt werden Pflanzentechnologen innerhalb von drei Jahren zum Meister ausgebildet.




